Den neuesten demografischen Berichten zur Folge gehöre ich einem vom Aussterben bedrohten Volk an. Im Jahr 2003 lebten genau so viele Bulgaren, wie im Jahre 1961. Angesichts dieser kniffligen Situation, halte ich es für unerlässlich nun einen kurzen Exkurs in bulgarischer Geschichte zu bieten. Damit die Welt nach uns nicht vergisst, wer einem berühmten Luxushersteller den Namen gab.
Die Wurzeln der Bulgaren reichen bis ins 3. Jahrhundert nach Christus zurück. Diese Protobulgaren waren Nomadenstämme, die ungefähr das Gebiet des heutigen Armenien und Georgien besiedelten. Im 4. bis 5. Jahrhundert schlossen sie sich Attilas Hunnenhorden an und zogen mit ihnen. Nach dem Tod des Hunnenführers ließen sie sich auf dem Gebiet der südlichen Ukraine nieder. Nach diversen Mischungen mit den dort ansässigen Völkern wurden sie 567 von den Awaren angegriffen und unterworfen. Erst 635 konnten die Protobulgaren einen erfolgreichen Aufstand unter der Führung von Khan Kubrat umsetzen und errichteten das erste s.g. Große Bulgarische Reich (Vermerk: Die verlinkte Karte entspricht dabei nicht ganz der Realität, denn die Gebiete auf der Balkanhalbinsel, die als Bestandteil dieses Reiches vermerkt sind, gehörten nie zu diesem Reich). Auf dem Sterbebett sagte Khan Kubrat zu seinen fünf Söhnen, sie sollen, was auch geschehen mag, immer zusammenhalten. Kurz nach seinem Tod (um 650) wurde das Reich Opfer von heftigen Angriffen der Chasaren. Daraufhin beschlossen die Brüder das Volk zu Teilen. Der älteste Bruder unterwarf sich den Chasaren. Die anderen vier zogen mit großen Teilen der Stämme nach Süden bzw. nach Westen. Einer ließ sich auf dem Gebiet des heutigen Ungarn nieder, den anderen Verschlug es sogar bis ins entfernte Norditalien, wo er in der Gegend von Ravenna einen neuen Platz fand. Und so tragen noch heute viele Dörfer, Berge, Flüsse und Familien dort bulgarische Namen. So ist auch der Name des Luxusartikelherstellers Bulgari zustande gekommen.
Und nun kommen wir endlich zum interessantesten Sohn des Khan Kubrats - Asparukh. Er überquerte die Donau und gründete 681 auf dem Gebiet des heutigen Nordbulgariens, Ostserbiens und Mazedoniens das erste Bulgarische Reich im Sinne des heutigen Bulgarien. Geschichtswissenschaftler sind sich immer noch nicht einig darüber, ob die Protobulgarenstämme die Slawen und Thraker, die diese Gebiete bewohnten, unterwarfen oder ob sie sich mit denen verbündeten. Dieses Reich schaffte es auf jeden Fall innerhalb kürzester Zeit das damals stärkste Land Eurasiens - die Byzanz - dazu zu bringen, dass es ihm Tribut zahlt. Außerdem bat der byzantinische Imperator den mittlerweile den Titel “Khan” tragenden Asparukh mehrmals um Unterstützung in seinen Feldzügen…
Im nächsten Teil gibt es dann die Fortsetzung, oder wie es dazu kam, dass das Reich der Bulgarien sich auf die halbe Balkanhalbinsel ausstreckte… Und ich hoffe, dass ich mich bis dahin damit abgefunden haben werde, eines Tages ausgestopft in einem chinesischen Naturkundemuseum neben einem Dinosaurier zu verweilen.


Nun, bis Sie im Naturkundemuseum landen, dauert es hoffentlich noch ein Weilchen. Bis dahin warte ich freudig auf die Fortsetzung der Bulgarischen Geschichte.
Oh wunderbar! Die bulgarische Geschichte in komprimierter Form aus berufenem Munde.
Was das Aussterben angeht, denke ich mal, dass der Mensch an Ihrer Seite - spätestens jetzt wissend was für ein kostbares Wesen sie sind - Sie noch pfleglicher behandeln wird, auf dass Sie mindestens einhundert Jahre werden! Bis dahin geht die Welt dann vermutlich eh unter und die Museumsgeschichte hat sich für uns alle erledigt. ;o)
P.S. Danke für Ihre aufmunternden Worte und ich wünsche auch Ihnen viel Kraft - Sie wissen schon wofür!
Tja B.,
dann tu mal was dafür, dass die Bulgaren weiter existieren können!!
Da muss jeder Opfer bringen, auf die eine oder andere Weise - du darfst dich nicht davor drücken, also: immer schön blühen!
Notfalls müssen wir Ableger von dir machen, aber ich weiß ja nicht auf welchem Boden die gut wurzeln können. *g*
Tschö
@Seb: Es wird wurzelfähiger Boden gesucht? Also die Blümchen im Balkonkasten des Sozialpalast, die fühlen sich sehr wohl. Ob das auch für Bulgaren gilt?
Passend zum Thema bei Spiegel Online: Der Sturm der Barbaren
Danke recht sehr für diesen Geschichtsunterricht! Ich bin übrigens, was das Aussterben der Bulgaren und der übrigen Menschen angeht, nicht gar so pessimistisch. Andererseits - warum sollte es den Bulgaren besser gehen als den Thrakern?
mh..das mit den Ablegern könnte doch ne gute Idee und wirklich hilfreich sein, beim Kampf gegen das Aussterben. Hat der Sozialpalast Platz für ein Kinderzimmer?
Um es mit den Worten des allseits bekannten Dr. Strangelove zu sagen:” Wir müssen unsere heißgeliebte Monogamie wohl aufgeben.” So oder so ähnlich hat er es formuliert. Was man nicht alles für die Arterhaltung tut….
Bei einer Einwohnerzahl von knapp über sieben Millionen Bulgaren macht sich auch ein nur geringfügiger Rückgang der Geburtenrate sicher dramatisch bemerkbar. Gleichzeitig erhöht sich aber auch in Bulgarien als Teil einer weltweiten Tendenz, die zunehmende Lebenserwartung der Menschen. Ich gehe daher ohne die Zahlen im Detail zu kennen, eher von einem Schrumpfen als vom Aussterben aus und bin diesbezüglich auf Ihre weiteren Artikel gespannt.